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Ammas vollständige Eröffnungsrede am Civil 20 Summit in Jaipur


Sri Mata Amritanandamayi Devi sagte, wenn die Menschheit nicht auf die Warnungen der Natur höre, würden die Menschen bald aussterben.


Ammas Eröffnungsrede

Der heutige Gipfel stellt den Höhepunkt der engagierten Bemühungen der C20-Arbeitsgruppen der letzten sieben Monate dar, die von Indien geleitet wurden, das aktuell den Vorsitz der G20-Nationen innehat. Wir glauben, dass wir uns aufrichtig bemüht haben, dem Vertrauen und der Verantwortung gerecht zu werden, die mir von der indischen Regierung und dem ehrenwerten Premierminister Narendra Modi übertragen wurden.

Das Civil 20 Forum hat uns ermöglicht, offen mit den Vertretern der G20-Staaten zu kommunizieren. Die Aktivitäten des Civil 20-Forums wurden offiziell durch 16 Aktionsgruppen umgesetzt. In den letzten sieben Monaten wurden in fast allen Bundesstaaten Indiens sowie in anderen G20-Staaten Hunderte von Gipfeltreffen, Konferenzen und eintägigen Seminaren zu den Herausforderungen für Natur und Menschheit organisiert. Wir konnten unsere Gedanken und Meinungen austauschen und einige praktische Lösungen vorschlagen.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die aus den Beratungen hervorgingen, war, dass es zur Gewährleistung der langfristigen Existenz und Sicherheit der Menschheit notwendig ist, uns umfassende Werte und Prinzipien zu eigen zu machen und als ein einheitliches Ganzes zusammenzuarbeiten. Das Aufkommen eines solchen Gefühls kann in der Tat als positives Zeichen gewertet werden, das uns Hoffnung für den weiteren Weg macht.

Es wird immer einige Leute geben, die uns entmutigen und unseren Fortschritt behindern werden. Wir sollten niemals zulassen, dass sie unser Selbstvertrauen oder unsere Überzeugung, unsere svadharma (persönliche Pflicht) zu erfüllen, erschüttern. Nur wenn wir Selbstvertrauen haben, können wir der Gesellschaft durch unsere Bemühungen nützen. Selbstvertrauen ist hilfreich, um Fortschritte zu machen. Wir berufen jetzt Versammlungen ein, aber wir sollten es auch unseren Herzen ermöglichen, sich zu begegnen.

Lassen Sie mich einige meiner Erfahrungen im Zusammenhang mit den sozialen Aufbauprogrammen unseres Ashrams mit Ihnen teilen. Als Kind ging Amma während der Monsunzeit zu den Häusern im Dorf. Die meisten Häuser waren klein, standen auf Grundstücken einer Größe zwischen 250 und 500 Quadratfuß (ca. 23 – 46 m2, Anm. d. Ü.) und hatten Strohdächer.

Einige Leute reparierten ihre Dächer einmal im Jahr, während andere nicht genug Geld hatten. Damals kostete es gerade einmal 10 Rupien, ein Dach neu zu decken. Wenn der Monsun einsetzte, sah Amma in vielen Häusern Familien, die sich in der überfluteten Hütte unter einem einzigen Regenschirm zusammenkauerten.

Damals wünschte sich Amma, dass jede Familie auf der Welt ein einfaches Zweizimmerhaus und wenigstens eine anständige Mahlzeit am Tag haben sollte. So beschlossen wir bei der Gründung unseres Ashrams, trotz unserer eigenen geringen finanziellen Mittel, Häuser für Obdachlose zu bauen.

Wir richteten auch ein Rentenprogramm für diese verarmten Familien ein. Dann kam der Tsunami und der groß angelegte Hausbau, den wir daraufhin betrieben. Bald gab es in einem Umkreis von 25 Kilometern um den Ashram keine einzige strohgedeckte Hütte mehr. Das beweist, dass, wenn wir uns etwas zutiefst wünschen und versuchen, es zu verwirklichen, es auf jeden Fall geschieht.

Amma erzählt jetzt die Geschichte einer Familie, die die Rente erhalten hat – nur eine von vielen solcher Geschichten. Eine Frau kam zu Amma und sagte: „Mein Mann hat mich wegen einer anderen Frau verlassen. Ich habe drei Mädchen. Ich lasse sie bei meiner Mutter, während ich als Dienstmädchen in einigen Häusern arbeite. Aber weil ich keinen Ehemann habe, sahen mich die Leute, für die ich arbeitete, als eine freizügige Frau an und nutzten mich aus.

„Ich wurde zur Prostitution gezwungen. Mit dem Geld, das ich verdiente, bezahlte ich die Bedürfnisse meiner Kinder. Meine Mädchen sind jetzt Teenager. Ich kann diesen Beruf nicht länger ausüben, und meine Mutter ist auch gestorben. Wo soll ich meine Mädchen lassen? Der einzige Ausweg, den ich sehe, ist der Tod. Ich habe mich entschlossen zu sterben, aber ich wollte dich nur einmal sehen, Amma.“

Amma veranlasste sofort, dass die drei Mädchen in Ammas Waisenhaus gebracht wurden.

Nachdem der Ashram damit begonnen hatte, glücklose Frauen und Witwen mit Renten zu versorgen, begann auch die Regierung, das Gleiche zu tun. Also änderte Amma das Rentenprogramm, um gefährdete und mittellose Frauen besser zu unterstützen. Damals erhielten Frauen, die sich scheiden ließen, keine Unterhaltszahlungen oder sonstige Unterstützung. So begannen wir, Frauen durch das AmritaSREE Selbsthilfe-Projekt (Self Reliance Education & Employment Project) zu stärken und zu fördern.

Die Gruppe erhält insgesamt 1.500 Rupien pro Frau, also insgesamt 30.000 Rupien, als Startkapital. Außerdem helfen wir den Mitgliedern, Kredite für die Gründung von Kleinunternehmen zu erhalten. Den AmritaSREE-Mitgliedern werden viele weitere Fertigkeiten beigebracht. Wenn sie später einen guten Gewinn erwirtschaften, legen sie oft einen Teil beiseite, um anderen beim Hausbau, bei Hochzeiten und bei der Gesundheitsversorgung zu helfen.

Wenn ich das sehe, füllen sich meine Augen mit Tränen. Diesen benachteiligten Menschen gelingt es, die Großzügigkeit zu erreichen, die viele wohlhabende Menschen in sich selbst noch nicht finden können. Heute gibt es über 250.000 Frauen in AmritaSREE. Der Ashram stellt dem AmritaSREE-Projekt eine jährliche Anschubfinanzierung von 350 Millionen Rupien (3,87 Millionen Euro) zur Verfügung.

In einigen der von unserer Organisation adoptierten Dörfer haben wir festgestellt, dass Mädchen nicht die gleiche Bildung erhalten wie Jungen. Warum? Weil die Familien denken, dass die Mädchen zu dem Haus gehören, in das sie später verheiratet werden. Warum also Geld für ihre Ausbildung verschwenden? Es ist die Pflicht der Mädchen im Haushalt, alle Aufgaben zu erledigen und dann Feuerholz aus dem nahe gelegenen Wald zu sammeln. Wenn wir in die Dörfer gehen, versuchen wir, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie zu fragen: „Sollen wir euch etwas beibringen?“

Aber sie antworten, dass sie Angst haben, etwas zu tun. Anfangs haben sie sogar Angst, sich uns zu nähern und mit uns zu sprechen. Sie lehnten die meisten Dinge ab, die wir ihnen anboten. Schließlich fragten wir sie, ob sie bereit wären, das Nähen von Kleidern wie ihren eigenen Röcken zu lernen, und sie stimmten zu.

Wir begannen, ihnen Schritt für Schritt beizubringen, wie man bessere und modischere Kleidung näht. Wir brachten sie mit lokalen Verkäufern zusammen, und heute haben viele von ihnen florierende Geschäfte die sie selbst betreiben. Viele exportieren ihre Waren sogar ins Ausland. Diese Frauen haben so viel Potenzial, aber sie müssen gefördert werden, um ihre inneren Talente zu wecken.

Im Gegensatz dazu erfuhren wir an einem anderen Ort, dass 60 Prozent der Arbeitskräfte Frauen sind. Das liegt daran, dass sie besser ausgebildet sind als die Männer in diesem Gebiet. Da sie aber keine Männer mit demselben Bildungsstand finden, bleiben viele von ihnen unverheiratet. Oder sie heiraten, wenn sie älter sind, nach ihrer Ausbildung, und viele von ihnen haben keine Kinder. „Was wird mit unserer Gemeinschaft geschehen? Sie wird in 50 Jahren allmählich aussterben“, beklagen sie.

In solchen Gemeinschaften sollte die Regierung Mütter, die zwei weitere Kinder haben wollen, unterstützen, indem sie alle Kosten, einschließlich der Arztrechnungen, von der Zeugung an übernimmt und auch die Ausbildung der Kinder finanziert. Indem diese Unterstützung auf zwei Kinder pro Familie ausgedehnt wird, können solche Gemeinden gerettet werden.

Um solche Gemeinschaften selbständig zu machen, müssen wir uns mit Fürsorge und ständiger Aufmerksamkeit auf ihre Ebene begeben und bei ihnen bleiben, bis sie sich entwickelt haben – so wie wir ein Frühgeborenes wärmen und beschützen, bis es sich richtig entwickelt hat. Es reicht nicht aus, ihnen nur Geld zu geben oder einige Fertigkeiten beizubringen und dann zu gehen.

In ähnlicher Weise hat die Regierung viele Programme für das Wohlergehen von Transgender-Personen aufgelegt, einschließlich der Finanzierung von Operationen. Das ist zwar lobenswert, aber die Gesellschaft als Ganzes ist noch nicht bereit, sie zu akzeptieren oder anzuerkennen. Wenn die Regierung jedoch ein Projekt startet, bei dem sie alle zusammenarbeiten, und ihnen die notwendige Unterstützung zukommen lässt, können wir sie fördern.

Heute leben auf dieser Welt über eine Milliarde Menschen mit Behinderungen. Wenn man ihnen kostengünstige Hilfsmittel wie Rollstühle zu subventionierten Preisen zur Verfügung stellen könnte, wären sie in der Lage, sich zu bewegen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Rollstühle sollten in der Lage sein, mindestens 2 km pro Tag zurückzulegen. Die Regierung hat solche Programme bereits umgesetzt. Ich erwähne dies nur noch einmal, um noch mehr Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

Auch der Klimawandel ist ein Thema, das Aufmerksamkeit verdient. Unsere Vorfahren lebten nahe an der Natur, und sie betrachteten sie mit Dankbarkeit und Respekt. Das liegt daran, dass nach den Lehren des Sanātana Dharma die Schöpfung und der Schöpfer eins sind, nicht getrennt.

Die Sonne braucht keine Kerze, um ihren Weg zu beleuchten. Gold existiert im Goldschmuck, und der Goldschmuck existiert im Gold. Ob der gesamte Motor defekt ist oder nur eine kleine, aber entscheidende Schraube, ein Flugzeug wird nicht fliegen können. Eine der grundlegenden Lehren ist īśāvāsyam idaṁ sarvam – das gesamte Universum ist von Gott durchdrungen. Sieh alles als Gott an, liebe und diene allem.

Wissenschaft und Technik haben erhebliche Fortschritte gemacht. Das ethische Verhalten der Menschheit hat sich jedoch verschlechtert. Die Menschen haben gelernt, wie Vögel zu fliegen und wie Fische zu schwimmen, aber sie haben vergessen, wie Menschen zu gehen und zu leben. An dieser Stelle wird Spiritualität relevant.

Es gibt zwei Arten von Bildung: „Bildung für den Lebensunterhalt“ und „Bildung für das Leben“. „Bildung für das Leben“ – oder Spiritualität – klimatisiert den Geist, während „Bildung für den Lebensunterhalt“ äußeren Komfort bringt. Viele Menschen begehen in klimatisierten Räumen Selbstmord, und andere können ohne Schlaftabletten nicht schlafen, weil es ihnen an geistigem Frieden fehlt. Wenn der Geist „klimatisiert“ wird, lernen wir, wie wir mit Lebenssituationen umgehen. Ziel der Bildung muss es sein, ein Gefühl der Einheit und des Einbeziehens zu entwickeln – hier wird Spiritualität relevant.

Mitgefühl ist die Sprache des Herzens. Sowohl der Intellekt als auch das Herz sollten ihren Platz haben. Was sollten wir also tun? Die ersten Gurus des Kindes sind seine Mutter und sein Vater. Das Beispiel, das sie geben, formt den Charakter des Kindes. Wir alle sollten versuchen, einen hohen Standard an moralischen Prinzipien zu entwickeln.

Ob wir es wissen oder nicht, jemand könnte versuchen, unser Beispiel zu imitieren. Eltern sollten ihren Kindern etwas über Spiritualität beibringen. Der spirituelle Aspekt sollte auch in die Bildungseinrichtungen einbezogen werden. Kinder sollten ermutigt werden, Mitgefühl zu entwickeln. Schulen sollten Kinder für mitfühlendes Handeln belohnen.

Allmählich wird dies zu ihrer Lebensart und ihrem Charakter werden. Auf diese Weise lernen sie, den Unterschied zwischen Bedürfnissen und Wünschen zu erkennen. Zum Beispiel zeigt eine Uhr, die 100 Dollar kostet, die Zeit genauso gut an wie eine, die 10.000 Dollar kostet – und doch brauchen wir nur die Zeit zu wissen. Ein Bedürfnis unterscheidet sich von einem Wunsch oder von Gier. Wenn wir diese Perspektive einnehmen, können wir die Gesellschaft voranbringen.

Im Rahmen eines jährlichen Praktikumsprogramms haben wir zum Beispiel unsere Universitätsstudenten in abgelegene, ländliche Dörfer in Indien gebracht. Im Rahmen dieses Programms lernten etwa 2.000 bis 3.000 Studenten das Dorfleben kennen. Danach bemerkten wir die Bereitschaft vieler Studenten, den Bedürftigen zu helfen. Diesen Erfolg konnten wir mit jungen Erwachsenen erzielen. Stellen Sie sich also vor, welche Auswirkungen es gehabt hätte, wenn wir ihnen diese Konzepte in ihren prägenden Jahren nahegebracht hätten.

Der Cyberspace hat ein beträchtliches Wachstum und Fortschritte erlebt. Allerdings hat er auch den Weg für viele Gefahren geebnet. KI wird bereits dazu missbraucht, sich als eine andere Person auszugeben, betrügerische E-Mails zu versenden, falsche Liebesbeziehungen zu fabrizieren, Bankkonten zu hacken und verschiedene Sicherheitsverletzungen durchzuführen.

Jeder Fortschritt hat zwei Seiten, und die Regierungen sollten diesem Thema die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Sexuelle Übergriffe und andere Straftaten haben in den letzten Jahren zugenommen, weil schon Minderjährige unangemessene Inhalte ansehen und Drogen missbrauchen.

Um Eltern, Erziehungsberechtigten, Pädagogen und Schulverwaltern einen kindersicheren Zugang zum Internet und zu digitalen Plattformen zu ermöglichen, haben unsere Forscher an der Amrita-Universität eine Plattform namens Safe-Net entwickelt. Der Ashram ist bereit, diese Dienste der Gesellschaft kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Das Ethos von vāsudhaiva kuṭuṁbakam – „Die Welt ist eine große Familie“ – sollte in den Lehrplan der Schulen aufgenommen werden. Der künftige Weg der Menschheit, ihr Nachdenken und ihr Handeln müssen ein gewisses Maß an diesem gemeinsamen Gefühl der Einheit widerspiegeln. Wenn nicht, wird unsere Gier einen solchen Höhepunkt erreichen, dass sie unsere Existenz bedroht.

Die Natur hat uns in den letzten Jahren deutliche Hinweise darauf gegeben, dass dies die Richtung ist, in die wir uns bewegen. Wenn wir diese Warnungen der Natur und Gottes nicht beherzigen, wird der Mensch sehr bald auf der Liste der ausgestorbenen Lebewesen dieses Planeten stehen.

Ich möchte dem ehrenwerten Premierminister Narendra Modi und der Regierung unter seiner Führung meinen aufrichtigen Dank dafür aussprechen, dass sie uns diese einmalige Gelegenheit gegeben haben. Ich spreche dem G20/C20-Sekretariat und seinen Mitarbeitern sowie allen Organisationen der Zivilgesellschaft, die mit uns zusammengearbeitet haben, um den Erfolg dieses Vorhabens zu gewährleisten, meine aufrichtige Anerkennung aus.

Mein tief empfundener Dank gilt den vielen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, die eine entscheidende Rolle bei der reibungslosen Durchführung der C20-Veranstaltungen gespielt haben, sowie den nationalen und internationalen Experten, die unschätzbare Beiträge zu unseren politischen Vorschlägen geleistet haben.

Mögen wir in der Lage sein, die Welt als eine schöne Blume zu sehen, mit jeder Nation als einem ihrer Blütenblätter. Diese schöne und unbezahlbare Erde ist ein seltener Segen, den Gott uns Menschen und unseren Mitgeschöpfen geschenkt hat. Mögen ihre Schönheit und Freude nie vergehen, und möge sie ewig leben und immer Glück und Duft für alle verbreiten. Möge die göttliche Gnade jeden segnen, um den Traum von vāsudhaiva kuṭuṁbakam – „Die Welt ist eine große Familie“ – zu verwirklichen.

Mögen alle Wesen überall glücklich sein.



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